Traurige Realität aus dem Leben eines Assistenzarztes

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Manche Nachtdienste vergisst man sein ganzes Leben nicht. Nachtdienste prägen uns, stellen uns vor unvorhergesehenen Entscheidungen und treiben uns an unsere Limits. Manchmal berauben sie uns unserer jugendlichen Naivität und lassen uns schlagartig erwachsen werden.

Für Michael, einem jungen Assistenzarzt sollte es einer dieser Dienste werden. Sein diensthabender Oberarzt war ein impulsiver Choleriker mit dem Spitznamen Onkel Dudu. Er war von der Charité und präparierte Schilddrüsen wie kein zweiter. Er war ein guter Chirurg, aber ein menschliches Deaster.

Michael schaute auf das Diensttelefon und hatte ein richtig mieses Gefühl in der Magengrube. Die diensthabende Internistin hatte ihm eine Patientenakte in die Hand gedrückt. „Entweder nehmt ihr Frau Bauer auf oder wir machen das“, hatte sie angekündigt. Nach einem Blick auf die ältere Patientin, die Befunde und einem Gespräch mit der Tochter von Frau Bauer hatte er geantwortet: „Sie wird chirurgisch aufgenommen. 82 Jahre, Abdominalgie, Vorhofflimmern und ein hohes Laktat. Sieht nach einer akuten Mesenterialischämie aus. Wenn sie nicht operiert wird, überlebt sie das nicht.“

Michael war 28 Jahre alt, liebte Extremsportarten und träumte von einer Karriere als Viszeralchirurg. Vor einem Jahr hatte er sein Medizinstudium in Wien beendet und war nach Berlin gezogen. Nach zwei Monaten als Assistenzarzt für Chirurgie wurde er ins kalte Wasser gestoßen. In seinem ersten Nachdienst war er gleichzeitig zuständig für drei Stationen, die Intermediate-Care-Unit sowie alle chirurgischen Notfälle in der Notaufnahme.

"Das Leben schrumpft oder dehnt sich aus proportional zum eigenen Mut."

„Du schaffst das schon“, hatten seine Kollegen grinsend gesagt. „Wenn eine Schwester etwas von dir will und du hast keine Ahnung, frag sie nach dem Blutdruck. Während sie messen geht, hast du zwei Minuten Zeit, um alles nachzuschlagen.“ Mit ähnlichen Weisheiten und einem halben Dutzend chirurgischen Wälzern ausgestattet lernte Michael schwimmen. Die Schwestern in der Notaufnahme sagten ihm pragmatisch: „Wenn du etwas nicht weißt, rufst du deinen Oberarzt an. Schließlich wird er dafür bezahlt, dass er für euch da ist.“

Sein diensthabender Oberarzt, Onkel Dudu, hatte einen roten Kopf, blutunterlaufene Augen und war meistens übertrieben stark parfümiert. Wenn er Bereitschaftsdienst hatte, fuhr er ungern ins Krankenhaus. Akute Blinddärme ließ er meistens liegen bis am nächsten Tag. Die Stationsschwestern erzählten, dass er häufig über den Durst trank - und das auch, wenn er Bereitschaftsdienst hatte. Keiner konnte ihm das nachweisen. Genauso wenig wie keiner wusste, wann Onkel Dudu seinen nächsten Wutausbruch hatte. Erst letzte Woche hatte er seine Lieblingsassistenzärztin in der Morgenbesprechung angebrüllt bis ihr die Tränen gekommen waren. Alle waren wie versteinert und brachten kein Wort heraus.

„Du hast nur die Rechte, für die du gekämpft hast.“

Als Onkel Dudu am Telefon abhob, schilderte Michael seinem Oberarzt alles strukturiert von A bis Z. Nach einer längeren Pause verkündete Onkel Dudu ein Urteil: „Ist eine Koprostase. Stationär aufnehmen, bewässern, abführen und Novalgin bei Bedarf.“ Von Michaels Verdachtsdiagnose wollte er nichts wissen. Nachdem er seine Anordnungen durchgegeben hatte, beendete Onkel Dudu das Gespräch.

Michael holte tief Luft und organisierte die stationäre Aufnahme für Frau Bauer. „Seit wann hatten Koprostasen ein hohes Laktat?“ machten sich Zweifel in ihm breit. Wollte Onkel Dudu nicht operieren oder ging gerade seine eigene Phantasie mit ihm durch? Er teilte den Schwestern auf der Station mit, dass sie Frau Bauer gut im Auge behalten sollten. Dann läutete das Diensttelefon und Michael eilte zurück in die Notaufnahme.

Kaum war er in der Notaufnahme angekommen, läutete erneut sein Telefon. „Ich brauch dich jetzt sofort auf der Station. Deine Neuaufnahme, Frau Bauer, ist instabil. Sie muss auf die Überwachungsstation.“ sprach Schwester Helga durch den Hörer.

„Wenn du unsicher bist, werde dir klar, dass der Rest der Welt es auch ist. Überschätze die anderen und unterschätze dich nicht. Du bist besser als du glaubst.“

Helga war eine gestandene Schwester, arbeitete schnell und zuverlässig und hatte Michael durch seine ersten Wochenendvisiten geführt. Am Wochenende machten die Assistenzärzte ohne Facharzt Visite. In Wirklichkeit ging Helga Visite und die neuen Assistenzärzte begleiteten sie, wobei Helga die Kunst beherrschte, ihnen dabei den Vortritt beim Patienten und ihre Würde zu lassen. Wenn Helga etwas sagte, dann war das so.

Michael sprintete von der Notaufnahme auf die Station. Dort wartete Helga schon auf ihn. „Komm mit“, sagte sie. „Frau Bauer hatte vorhin blutige Diarrhoe - sieh dir das an!" Schwester Helga öffnete den Wäschekorb und zeigte dem jungen Assistenzarzt die blutig-schleimigen Bettlaken. „Ihr Blutdruck ist auf 80/60 mmHg gefallen. Frau Bauer ist nichts für unsere Station. Du musst sie auf die IMC verlegen.“

Michael hielt sich die Hand vor das Gesicht und sagte bitter: „Sie haben mir im Studium nie beigebracht, dass Patienten mit Stuhlverhalt instabil und überwacht werden müssen.“

„Tja, das musst deinem Onkel Dudu sagen", entgegnete Helga. "Bei uns gibt es eben Sachen, die du im Medizinstudium nicht lernst. Wir müssen sie jetzt verlegen.“ Michael nickte wortlos.

„Wenn ich heute auf meine ersten Monate als Arzt zurückblicke, stelle ich mir eine Frage. Habe ich mein Bestes gegeben, wenn man berücksichtigt, wer ich war und was ich zu dieser Zeit wusste?“

Onkel Dudu fuhr nicht ins Krankenhaus. Mit vor Sorge zerknittertem Gesicht ging Michael persönlich auf die IMC. Er hatte um passende Worte gerungen und keine gefunden. Letztendlich hatte er beschlossen, dass es zu absurd war, eine instabile Koprostase telefonisch anzukündigen.

Die Schwestern auf der IMC waren Profis und hatten schon vieles gesehen. Als Michael die Patientin übergab, hob sich dennoch die eine oder andere Augenbraue. „Unter uns gesagt“, begann der junge Assistenzarzt. „Frau Bauer hat eine Mesenterialischämie im finalen Stadium. Der Oberarzt hat sich dagegen entschieden, sie zu operieren. Aber auch wenn man sie operieren würde, wären ihre Überlebenschancen sehr schlecht. Ich befürchte, sie stirbt.“

„Wenn man denkt, dass es nicht mehr weitergeht, muss man wissen, dass der Spaß erst gerade anfängt.“

Der restliche Nachtdienst war eine Qual. Die Notaufnahme ließ nicht lange auf sich warten. Michael musste ständig an Frau Bauer denken und die Arbeit verlief schleppend. Bei der Morgenübergabe fiel Onkel Dudu dem Assistenzarzt ins Wort und umschrieb die Situation mit vielen Worten, ohne jedoch etwas Konkretes zu sagen. Es fiel nicht auf. Michael war erschöpft und erleichtert, dass ihm die Peinlichkeit erspart blieb, berichten zu müssen, dass er eine instabile Koprostase auf die IMC verlegt hatte. Das Wort Mesenterialischämie wurde kein einziges Mal erwähnt.

Bevor er aus dem Nachtdienst nach Hause ging, riefen die Schwestern von der IMC an und teilten ihm mit, dass die Angehörigen von Frau Bauer da wären und gerne einen Arzt sprechen würden. Alle anderen Kollegen waren schon im OP oder in der Notaufnahme und so ging Michael zu der Tochter von Frau Bauer.

"Zwischen Reiz und Reaktion gibt es einen Raum. In diesem Raum haben wir die Freiheit und die Macht, unsere Reaktion zu wählen. In unserer Reaktion liegen unser Wachstum und unsere Freiheit.“

Michael bemühte sich, der Tochter von Frau Bauer so sanft wie möglich beizubringen, dass es an der Zeit sei, sich von ihrer Mutter zu verabschieden. Er hatte sowas noch nie zuvor getan und war überfordert. Die Tochter weinte. Zu erschöpft, um sich abzugrenzen, durchflutete Michael die Traurigkeit und er bemühte sich, seine Tränen zurückzuhalten. Er stand mit der Tochter am Gang und tröstete sie. Er rief sich ins Bewusstsein, dass es hier nicht um ihn ging. Es ging darum, Leute nicht im Stich zu lassen, die auf einen vertrauten und darum, niemals die Ideale zu verraten, die ihn motiviert hatten, Arzt zu werden.

Am nächsten Tag starb Frau Bauer. Michael sollte seine Patientin nie vergessen.

"Leid bringt einen Moment der Klarheit, wenn man eine Situation nicht länger verleugnen kann und sich einer unbequemen Wahrheit stellen muss", beendete Michael seine Erzählung. "In diesem Dienst habe ich mein naives Vertrauen in Vorgesetzte und Respektpersonen verloren und das hat mich unabhängig gemacht und erwachsen werden lassen. Bei uns in der Medizin ist es so wie überall. Ein Drittel der Kollegen sind top, ein Drittel sind durchschnittlich und ein Drittel sind menschliche Desaster. Es gibt keine Götter in weiß. Je früher du aufhörst, Leute oder Situationen zu idealisieren und die Welt so akzeptierst, wie sie ist, desto besser geht es dir. Die Erkenntnis, dass Vorgesetzte imperfekte Menschen sind wie du selbst, erlaubt dir, sie auf Augenhöhe zu sehen. Mit diesem Wissen kannst du dich darin üben, Grenzen zu setzen, eine bessere Ausbildung zu fordern, sie zu unterstützen oder dich fragen, wie du einen positiven Unterschied machen kannst da draußen. Das ist alles, was zählt."

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Update aus Salzburg, am 12.05.2019 -

Geschrieben am: 14 Januar 2018

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